2026

SWR-Moderator Nabil Atassi im Interview mit dem Gewinner-Team, Autorin Julia Kopatzki und Fotograf Roderick Aichinger. © Christoph Püschner/Zeitenspiegel
Was es heißt, ein junger Mensch zu sein. Warum Stern-Chef Gregor Peter Schmitz an die Zukunft des Journalismus glaubt. Und weshalb Louis Armstrong den Geist des Abends traf: Eindrücke von der 28. Verleihung des Hansel-Mieth-Preises.
Die Sammelbände mit den besten Reportagen des Hansel-Mieth-Preises füllen mittlerweile fast einen halben Meter im Regal. Für jeden einzelnen gilt: Man zieht ihn heraus, liest sich fest. Die meisten Geschichten altern gut. Sie überdauern den Tag, das Jahr, das Jahrzehnt.
„Die Reportagen, die bei diesem Preis ausgezeichnet werden, sind immer, immer lesenswert“, sagte Oberbürgermeisterin Gabriele Zull am 24. Juni 2026 im Großen Saal des Fellbacher Rathauses anlässlich der mittlerweile 28. Preisverleihung. „Die Buchreihe ist in der eigentlichen Bedeutung des Wortes ein Zeitenspiegel.“
Zull erinnerte an die in Fellbach aufgewachsene Hansel Mieth und ihren Lebensgefährten Otto Hagel. „Sie waren nicht nur Pioniere des dokumentarischen und sozialen Fotojournalismus. Sie waren auch ein Team mit Höhen und Tiefen. Beide teilten eine unerschütterliche Haltung gegen soziale Ungerechtigkeit, und das ist heute mindestens genauso aktuell wie damals.“ Große Reportagen entstünden nur „durch Vertrauen, Nähe und einen langen Atem“. Genau das zeichne auch die diesjährige Siegerreportage aus.

Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull bei der Begrüßungsrede. © Christoph Püschner/Zeitenspiegel
Der Hansel-Mieth-Preis 2026 ging an die Autorin Julia Kopatzki und den Fotografen Roderick Aichinger, die Jugendliche in einem Zeltlager in Italien begleitet hatten. „Wir machen einen Deal: Ich verrate nichts den Betreuern. Dafür verstecken sie nichts vor mir. Keinen Alkohol, keine Tränen, kein Drama. Wenn die Woche vorbei ist und sie zurück in Deutschland sind, schreibe ich alles in den Spiegel. Alles, außer ihre echten Namen.“ Mit diesen Worten beschreibt Julia Kopatzki ihre Abmachung mit den Jugendlichen. „In einer Sprache von eleganter Leichtigkeit eröffnet sie den Blick in die Welt der Teenager. Sie lässt sie dabei einfach so sein, wie sie sind und erhebt sich nicht über sie. Roderick Aichinger fängt die jungen Menschen so ein, dass sie nicht für die Kamera und nicht für ein digitales Selbstbild posieren“, urteilte Jurymitglied Vivian Pasquet.

Vivian Pasquet, Mitglied der Hansel-Mieth-Preis-Jury 2026, verlas die Laudatio. © Christoph Püschner/Zeitenspiegel
Viel zu oft würden Journalistinnen und Journalisten über Jugendliche erst dann schreiben, wenn sie ein Problem vermuteten, sagte Pasquet in ihrer Laudatio. Das Gewinnerteam hätte einen anderen Ansatz verfolgt: „Einfach ohne These und Vorannahmen Zeit mit den Jugendlichen zu verbringen.“ Die Reportage „ist auch deshalb ganz besonders, weil auf den ersten Blick nicht viel passiert und bei genauem Hinsehen sehr viel. Ein Text, der von Zusammenhalt erzählt. Von Unsicherheit. Von Einsicht. Humor. Von Offenheit. Vom Ankommen und Abschiednehmen. Davon, was es heißt, ein Mensch zu sein.“ Text und Fotos berichteten „voll Witz und Zartheit“ von jungen Menschen, die „eben noch nicht vollkommen geformt sind. Die mit all ihren Fragen, ihrer Lust aufs Leben und mancher Unsicherheit daran erinnern, wo auch Sie, ich und eigentlich jeder Erwachsene irgendwann einmal hergekommen ist.“
Die Festrede hielt Gregor Peter Schmitz, Vorsitzender der Chefredaktionen von Stern, Geound Capital. Er ging auf die aktuelle Debatte zu KI im Journalismus ein, die er als „künstlich aufgeregt“ empfinde. „Ein Journalist, der gar keine künstliche Intelligenz nutzt, wäre im Jahr 2026 ein ziemlich schlechter Journalist.“ Aber immer müssten diese Werkzeuge „unter strenger menschlicher Aufsicht“ eingesetzt werden. Und weil die KI „so viele Aufgaben übernehmen kann und wird, müssen wir Journalisten uns mächtig anstrengen, das noch besser zu machen, was die KI eben nicht kann. Also etwa rausgehen und recherchieren, kritisch einordnen und hinterfragen und Geschichten erzählen, die jemand vielleicht zunächst nicht lesen will, etwa weil sie etwas aufdecken – und diese so aufzuschreiben, dass möglichst viele sie doch lesen wollen.“ Trotz aller wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen sei er voller Hoffnung. „Denn eines hat sich nicht geändert: Menschen lieben Geschichten.“

Festredner Gregor Peter Schmitz, Vorsitzender der Chefredaktionen von Stern, Geo und Capital. © Christoph Püschner/Zeitenspiegel
Hier die gesamte Festrede:
Unter den Gästen waren auch die Autorin Eliana Berger und der Fotograf Eyad Abou Kasem, die im vergangenen Jahr das Gabriel-Grüner-Stipendium erhielten, das ebenfalls von Zeitenspiegel ausgelobt wird. Ihre Reportage „Spuren im Staub“, die durch das Stipendium ermöglicht wurde, ist Anfang Juni im Stern erschienen. Sie zeichnet eine lange Rück-Reise nach: 2015 war Eyad Abou Kasem von Syrien nach Deutschland geflohen – und dokumentierte seine Odyssee mit der Kamera. Zehn Jahre später reiste er zusammen mit Autorin Eliana Berger auf derselben Route wieder zurück, im Gepäck die Frage: Wo ist nun seine Heimat?
Durch den Abend führte kurzfristig Moderator Nabil Atassi, der seinen verhinderten SWR-Kollegen Jochen Stöckle vertrat. Schauspielerin Eva Hosemann las die Siegerreportage. Für den musikalischen Rahmen sorgten die zwanzig Sängerinnen des Barbershop-Chors „A-Cappella Ladies“. Sie wagten sich an Queens „Bohemian Rhapsody“ und wurden dafür mit begeistertem Applaus belohnt. Zuvor hatten sie mit Charlie Chaplins „Smile“ bereits vielen Menschen im Saal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Am besten aber fing ihre Interpretation von Louis Armstrong den Geist der Gewinner-Reportage und des Abends ein: „I hear babies cry. I watch them grow, They’ll learn much more than I’ll ever know. And I think to myself: What a wonderful world.“

SWR-Moderator Nabil Atassi im Interview mit dem Gewinner-Team, Autorin Julia Kopatzki und Fotograf Roderick Aichinger. © Christoph Püschner/Zeitenspiegel
In der mittlerweile 28. Runde des Hansel-Mieth-Preises bewarben sich 168 Reporterteams um die Auszeichnung, so viele wie noch nie. Die zehn besten Reportagen der Ausschreibung sind in einem Buch versammelt, das von dem Darmstädter Büro Bohm und Nonnen gestaltet wurde und über Zeitenspiegel (Mail@Hansel-Mieth-Preis.de) erhältlich ist. Neben der Siegerreportage sind dies:
Welches Kind darf leben? Welches nicht?
Text: Johannes Teschner, Fotos: Daniel Pilar
Geo
Sag mir, wo die Blumen sind
Text: Roland Schulz, Fotos: Ricardo Wiesinger
Süddeutsche Zeitung Magazin
Die Erbsünde
Text: Katja Bernardy, Johannes Dudziak, Britta Stuff, Fotos: Thomas Pirot
Zeit Magazin
Auch Neonazis baden gern
Text: Dmitrij Kapitelman, Fotos: Felix Adler
Zeit Magazin
„Wir holen Sie jetzt ab“
Text: Dialika Neufeld, Fotos: Anne Ackermann, Ana Maria Arevalo Gosen
Der Spiegel
Die Schatten des Sieges
Text: Wolfgang Bauer, Fotos: Emile Ducke
Die Zeit
Sie dachten, sie würden hier alt werden
Text: Paul Weinheimer, Fotos: Friedrich J. Richter
Die Zeit
Eine fast unmögliche Mission
Text: Gabriela Herpell, Fotos: Emily Garthwaite
Süddeutsche Zeitung Magazin
Kommt ein Mann ins Autohaus
Text: Henning Sußebach, Fotos: Nikita Teryoshin
Die Zeit
2025
„Die KI trifft sich nicht mit Informanten“, sagte Frauke Hunfeld. Gemeinsam mit Alexander Kauschanski und dem Fotografen Max Avdeev erhielt sie den Hansel-Mieth-Preis für eine Reportage, wie sie kein Algorithmus schreiben kann – über Deutschlands größtes Flüchtlingslager und die Geschäfte damit. Die Festrede hielt Alexander Smoltczyk.

Am vergangenen Mittwoch, 25. Juni 2025, hat die Reportergemeinschaft Zeitenspiegel ihren jährlichen Hansel-Mieth-Preis verliehen – diesmal zum 27. Mal. Die Oberbürgermeisterin von Fellbach, Gabriele Zull, begrüßte die Besucherinnen und Besucher im Grüßen Ratssaal im Rathaus Fellbach.

„Können sich Journalistinnen und Journalisten gegen künstliche Intelligenz in ihrem Beruf wehren?“ Das sei „genauso vergeblich und verzweifelt wie einst der Kampf gegen Schweißroboter in der Automobilindustrie“, meinte Alexander Smoltczyk, Spiegel-Reporter und langjähriges Jury-Mitglied des Hansel-Mieth-Preises, in seiner Festrede. Wenn Maschinen viele Aufgaben einfach schneller und besser erledigten als der Mensch – etwa Börsennachrichten oder Spielberichte über Fußballspiele –, bleibe eine zentrale Frage: „Was können wir Reporter, das die KI nie können wird?“
Zum Beispiel, so Smoltczyk: „Wenn ich der KI sage: Schreibe eine große Reportage über die Flüchtlingsunterkunft in Tegel, kritisch, im Stile der Autorin Frauke Hunfeld, dann würde durchaus ein Text herauskommen. Aber dieser Text würde nie einen Preis gewinnen.“

Zusammen mit den Bildern des Fotografen Max Avdeev wurde eine Recherche von Frauke Hunfeld und Alexander Kauschanski mit dem diesjährigen Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet. Ihre Reportage „Das Lager“, erschienen im Spiegel, beschreibt die Zustände in Deutschlands größter Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Tegel, wo tausende Menschen unter schwierigsten Bedingungen leben – während etliche Firmen mit diesen Zuständen gute Geschäfte machen.
Während die Menschen draußen bei Temperaturen über 30 Grad Celsius auf den Terrassen der Weinstuben und Cafés saßen, waren rund 140 Besucherinnen und Besucher zur Preisverleihung ins Fellbacher Rathaus gekommen. Oberbürgermeisterin Gabriele Zull erinnerte an Hansel Mieth, die aus Fellbach stammende Namensgeberin des Preises, deren „Reportagen zu Arbeitern und Minderheiten in den USA einst Maßstäbe setzten“. Die Reportergemeinschaft Zeitenspiegel hatte den mit 6000 Euro dotierten Preis in diesem Jahr zum 27. Mal ausgeschrieben. Es gab 134 Bewerbungen.
Engagierte Reportagen im Geiste Hansel Mieths – wie die diesjährige Siegergeschichte – würden bleiben, trotz KI, sagte Smoltczyk, aus drei Gründen: „Der Reporter steht mit seinem Namen dafür ein, dass ein Text wahrhaftig ist. Das ist ein Gütesiegel.“ Zweitens könne KI sich nur auf bereits veröffentlichte, also bekannte Umstände beziehen, und schaffe keine neuen Erkenntnisse: „Als Reporter setze ich mich dagegen dem Unbekannten aus. Ich fahre los mit einer Arbeitshypothese. Ich rede mit Leuten und merke: Die Hypothese stimmt nicht. Ich muss umdenken, erfahre Dinge, die ich überhaupt nicht vorhergesehen habe.“ Schließlich könnten „Reporter und Reporterinnen Regeln gekonnt brechen“. Generationen von Journalistinnen und Journalisten folgten den Schreibregeln des „Sprachpapstes“ Wolf Schneider; KI vermöge diese leicht zu berücksichtigen. „Aber natürlich kann man entgegen diesen Regeln zehn Adjektive hintereinander bringen, wenn es dem Text dient.“ Die „besondere Musikalität einer guten Reportage“ werde KI nie erspüren.

„Wer den Text liest und die Bilder sieht, erfährt, wie wir mit denen umgehen, die bei uns Schutz suchen oder eine Zukunft. Was wir öffentlich von ihnen verlangen – und was wir hinter den Zäunen des ehemaligen Flughafens Tegel zu bieten bereit sind“, erklärte Gesa Gottschalk (Geo) als Laudatorin die Entscheidung der Jury. Auf dem Programm im Flüchtlingslager stehen Jonglierkurse und Latin Dance – aber keine Kinderbetreuung für unter Fünfjährige, keine Schulplätze, keine Privatsphäre. „Wir lernen auch, wie viel das Land Berlin ausgibt, damit es dann trotzdem nicht funktioniert. Und wie viel sich daran verdienen lässt.“ Die höchstrangige Politikerin im Text ist eine Berliner Senatorin. „Die Bundespolitik kommt nicht vor, die AfD nicht, Friedrich Merz nicht. Und gerade deshalb funktioniert diese Reportage. Sie gewährt uns die Einblicke, die wir brauchen, um die tagesaktuellen Nachrichten einordnen zu können.“
Die recherchierten Missstände – wie die schleppende Betreuung der Geflüchteten bei gleichzeitig überhöhten Kosten für den Betrieb der Unterkunft – seien „einerseits Überforderung geschuldet und andererseits mangelnder Prioritätensetzung“, sagte Preisträgerin Frauke Hunfeld. Und ja, künstliche Intelligenz könne echten Journalismus nie ersetzen: „Die KI trifft sich nicht in Bahnhofrestaurants mit Informanten.“
Durch die Veranstaltung führte Moderator Jochen Stöckle (SWR). Die Siegerreportage las die Schauspielerin und Sprecherin Barbara Stoll.

Mit der Gewinner-Reportage wurden weitere Arbeiten ausgezeichnet, betonte Laudatorin Gesa Gottschalk – „ein Stück über eine Kinderintensivstation, über Bettenmangel und schwere Entscheidungen. Die Ich-Reportage einer Mutter über einen winzigen Gendefekt und seine Folgen für ihren Sohn, für sie und ihre Familie. Ein Besuch in Buchenwald, der der Frage nachgeht, wie Gedenken geht und gehen wird, wenn die letzten Zeitzeugen sterben – und der Ruf nach einem Schlussstrich weiter in die gesellschaftliche Mitte rückt.“
2024
Im Schatten eines Krieges mitten in Europa hat die Reportergemeinschaft Zeitenspiegel am vergangenen Mittwoch ihren jährlichen Hansel-Mieth-Preis verliehen – diesmal zum 26. Mal.
Unter dem Beifall von rund 100 Gästen nahm Christoph Reuter die Auszeichnung für die Reportage „Die letzten Bestatter von Bachmut“ entgegen; Johanna-Maria Fritz, die Fotografin der Geschichte, konnte nicht dabei sein: sie weilt gerade in der Ukraine. Die im Spiegel erschienene Reportage erzählt die Geschichte von sechs Männern und zwei Frauen, Angestellten des städtischen Bestattungsunternehmens, die in der ukrainischen Stadt Bachmut ausharren. In der Frontstadt, Anfang 2023 aufgerieben zwischen russischen Angriffs- und ukrainischen Verteidigungsgefechten, gibt es weder Wasser noch Gas noch Strom. Doch „gestorben wird ja weiterhin“, wie einer der Bestatter lapidar sagt. Und so versuchen die acht, die Toten der sterbenden Stadt zu bergen und zu bestatten.

Der Preis ist mit 6000 Euro dotiert. Zeitenspiegel vergibt die Auszeichnung für engagierte Reportagen, bei denen Bild und Text gleichermaßen bewertet werden.

Von der Jury hieß es zur Verleihung an Fritz und Reuter: „Der Tod in der Ukraine ist kein Nischenthema. Die Toten zu identifizieren und die Personalpapiere zu besorgen, um sie in Würde zu beerdigen, ist eine Herkulesaufgabe … Eine Geschichte, die im Kleinen das Beharrungsvermögen der Menschen von Bachmut erzählt, den alltäglichen Wahnsinn der Belagerung.“

Die Festrede hielt Anette Dowideit, stellvertretende Chefredakteurin der Rechercheredaktion Correctiv. Dieses hatte Anfang Januar über ein Geheimtreffen aus AfD-Anhängern, Finanzinvestoren und Neonazis berichtet, bei dem über die sogenannte „Remigration“ gesprochen wurde. „Als wir an diesem Abend mit der Geschichte fertig waren und gegen Mitternacht das Büro verließen, sagte ich zu meinem Kollegen Justus: Das war soo viel Arbeit, ich bin wirklich erleichtert, dass wir damit fertig sind. Niemals hatten wir uns vorstellen können, was am nächsten Morgen und in den Tagen, Wochen und Monaten danach geschah.“
Dowideit unterstrich, sie erzähle die Genese dieser Recherche nicht, um anzugeben, „sondern um die Macht zu unterstreichen, die traditionelle Medien noch entfalten können. Wie wir alle in den Medien es immer noch schaffen können, eine starke Kraft für die Demokratie zu sein. WENN wir die richtigen Geschichten finden, die wir erzählen können. Geschichten, denen unser Publikum zuhören wird.“ Sie betone das still in diesem Satz, weil es heute alles andere als sicher sei, „dass uns, den Medien, überhaupt noch zugehört wird.“ Noch nie sei der Wettbewerb um Aufmerksamkeit so groß wie heute: Die sozialen Medien hätten eine neue Realität geschaffen, in der sich jeder sein eigenes Publikum aufbauen könne – und in der es für den Journalismus immer schwieriger werde, als Autorität anerkannt zu werden, der das Publikum vertrauen kann.
Dowideit nannte drei Empfehlungen für Medien, um in diesen Zeiten zu bestehen. Der erste: „Wir müssen das Publikum dazu bringen, uns zuzuhören und uns zu vertrauen, indem wir IHNEN zuhören. Ich meine: Ihnen WIRKLICH zuhören.“ Der zweite: „Lassen Sie nicht zu, dass Populisten den Diskurs anführen, indem Sie sich auf die Diskussionspunkte einlassen, die SIE versuchen, auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen.“ Und drittens: „Verlassen Sie sich nicht zu sehr auf die Künstliche Intelligenz.“

Die Laudation hielt Cornelia Fuchs, Jury-Mitglied und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift stern. Über die Reportage sagte sie, diese erzähle nicht die Geschichte vom Krieg, sondern vom Leben. „Nicht die Geschichte von Gewalt, sondern vom Alltag, von Pflichtbewusstsein, von Notwendigkeiten. Sie erzählt nicht die Geschichte von Krieg, sondern von aufrechten Menschen. Sie lässt diese Menschen so real wirken, dass der Krieg nicht mehr das Hauptthema dieser Reportage ist. Sondern deren Menschlichkeit. Eben diese Menschen, die Tote weiter bestatten wollen, wie es immer schon getan wurde und wie es immer weiter getan werden sollte. Und so wird der Tod zur größten Bestätigung des Lebens in der sterbenden Stadt Bachmut.“

Fotos: (c) Peter D. Hartung
2023
Unter großer Anteilnahme wurde am 20. September 2023 in Fellbach der Hansel-Mieth-Preis vergeben. Mit der Auszeichnung würdigte die Reportergemeinschaft Zeitenspiegel Reportagen zum 25. Mal herausragende engagierte Reportagen in Wort und Bild, „das ist wichtiger denn je“, wie die Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull bei ihrer Begrüßung der rund 200 Gäste im Großen Saal des Rathauses sagte.
Mit dem Preis erinnert Zeitenspiegel Reportagen ans 1998 verstorbene Ehrenmitglied Johanna „Hansel“ Mieth, die sich als Fotoreporterin für das amerikanische Magazin Life sozialen Themen widmete. 2023 ging die Auszeichnung an das Team Rudi Novotny (Text) und Anne Morgenstern (Fotos). Ihre im Zeit Magazin veröffentlichte Reportage „Ich will eine normale Frau sein. Einfach so“ ist das Ergebnis einer achtjährigen Begleitung: Mit zwölf Jahren beschließt Ella, dass sie nicht mehr Eliah heißen will. Zwischen ihr und ihrem Ziel, eine Frau zu werden, liegen Jahre voller Euphorie und Enttäuschung, Hoffnung, Verzweiflung und Liebe.
Für die Jury fasste Gesa Gottschalk die Preisentscheidung zusammen. „Geht das? Nach einem Jahr Krieg in Europa“, sagte die Redakteurin des Magazins Geo mit Blick auf den Krieg in der Ukraine – im Schatten eines sehr dominierenden Thema die Auszeichnung für eine Coming-of-Age-Geschichte? „Natürlich geht das“, sagte Gottschalk. „Denn das Private an Ellas Geschichte ist nur scheinbar privat.“ Die Reporterin verwies auf die zahlreichen Gewalttaten gegen Transgender. „‘Es geht nicht um eine Schönheitsoperation‘“ zitierte Gottschalk Ella, „‘es geht um mein Leben‘“.

v.l.n.r.: Roman Pawlowski und Joachim Rienhardt (Nominierte), Anne Morgenstern und Rudi Novotny (Preisträger), Gesa Gottschalk (Laudatio), Eva Hosemann (Lesung), Frank Plasberg (Festrede)
In seiner Festrede zum 25-jährigen Jubiläum des Preises ging Frank Plasberg auf die Lage des Journalismus in Deutschland ein. „Der Hansel-Mieth-Preis ist der Hidden Champion unter den Journalistenpreisen“, sagte der Journalist und Fernsehmoderator vorab. Und beschrieb die Reportergemeinschaft Zeitenspiegel Reportagen mit den Worten: „Reich sind diese Leute nicht geworden, aber offenbar glücklich.“
Dann thematisierte Plasberg allgemeine Entwicklungen in Deutschland, er kritisierte einen von ihm ausgemachten Haltungsjournalismus, den „Wunsch, auf der richtigen Seite zu stehen, zum Maßstab journalistischen Handelns zu machen“. Als Beispiel führte der langjährige Moderator der Sendung „Hart aber fair“ den Fall Gil Ofarim an, in dem der Musiker Vorwürfe von Antisemitismus gegen Hotel-Mitarbeiter erhoben hatte – aber nun selbst vor Gericht wegen falscher Verdächtigung und Verleumdung angeklagt ist. „Haltung zeigen, das ist für mich ein Platzhalter geworden, um die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus aufzuweichen“, sagte Plasberg. Für den Journalismus „sollte es doch reichen, statt Haltung Anstand zu zeigen“.
Plasberg appellierte, mehr auf das eigene Bauchgefühl zu hören, und plädierte für Lebenserfahrung. „Wenn bezahlter Journalismus eine Zukunft haben will, müssen wir für unsere gesteigerte Kreditwürdigkeit sorgen.“
Der Hansel-Mieth-Preis ist mit 6000 Euro dotiert. Während der Veranstaltung las die Regisseurin und Intendantin Eva Hosemann rund ein Viertel der Siegerreportage vor. Als sie endete, war es für einen langen Moment still, bevor Applaus aufbrandete.
Bei all diesen ernsten Themen gab es eine musikalische Begleitung durch den Abend, und zwar durch den beschwingenden Chor „rahmenlos & frei“ der Vesperkirche Stuttgart – mit Songs wie „Morning has broken“ und „Country Roads“, bei denen das Publikum am Ende begeistert mitsang.
